Das Wesentliche ist eine Entscheidung

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Leica: Das Wesentliche ist eine Entscheidung

Im Leitz-Park in Wetzlar hängt ein Satz an der Wand:

„Ich entscheide hiermit: Es wird riskiert.“ Ernst Leitz II, 1924.

Für mich erzählt dieser Satz ziemlich viel über Leica.

Oskar Barnack hatte die Ur-Leica längst entwickelt. Ob daraus eine Serienkamera werden sollte, war intern umstritten. Der Markt für eine so kleine Kamera war nicht absehbar, die Produktion teuer und das wirtschaftliche Risiko real. Ernst Leitz II entschied trotzdem. Ende 1924 ging die Leica I in Serie. 1925 wurde sie auf der Leipziger Frühjahrsmesse erstmals öffentlich vorgestellt. Bis 1930 entstanden rund 57.000 Exemplare. 100 Jahre später steht man in Wetzlar und merkt, was aus dieser Entscheidung geworden ist.

Das Wesentliche

So lautet der Satz, der einem bei Leica immer wieder begegnet. Und selten passen Anspruch und Auftritt so gut zusammen. Schwarz. Weiß. Der rote Punkt. Viel Raum. Wenig Ablenkung. Auch die Produkte folgen dieser Logik. Man kann über Preise diskutieren. Über technische Vorlieben sowieso. Aber man erkennt eine Leica. Das klingt banal. Ist es nach 100 Jahren Markenentwicklung nicht. Denn Marken sammeln mit der Zeit gerne Dinge an. Neue Botschaften. Neue Zielgruppen. Neue Produkte. Neue Designs. Neue Erklärungen.

Irgendwann bleibt vom ursprünglichen Gedanken wenig übrig.

Leica hat sein Geschäft durchaus erweitert. Neben Kameras und Objektiven gehören heute unter anderem Sportoptik, Mobile Imaging und Home Cinema zum Portfolio. Gleichzeitig beschreibt das Unternehmen seinen Kern weiterhin mit Fotografie, Handwerk, Technologie und Gestaltung. Das funktioniert nur, wenn eine Marke weiß, was zu ihr gehört. Und was nicht.

Eine Marke, die einen Ort hat

Spannend fand ich deshalb in Wetzlar weniger ein einzelnes Produkt. Es ist der ganze Ort. Headquarter und Produktion. Ernst Leitz Museum. Galerie. Store. Akademie. Café. Alles liegt im Leitz-Park nah beieinander. Leica beschreibt die Leica Welt selbst als Ort, an dem Fotografie und Marke erlebbar werden. Das merkt man. Die Unternehmensgeschichte hängt hier nicht irgendwo auf einer Timeline im Flur. Man läuft durch sie hindurch. Man sieht Kameras, Bilder und Fotografen. Man beschäftigt sich mit Licht, Perspektive und Wahrnehmung. Und irgendwann steht man selbst vor einer Kamera.

In meinem Fall mit Leica-Mütze und einer Q. Hat also funktioniert.

100 Jahre sind kein Markenargument

Alt zu sein macht eine Marke noch nicht relevant. 100 Jahre können genauso gut 100 Jahre Ballast bedeuten. Interessant wird Geschichte erst, wenn sie erklärt, warum ein Unternehmen heute bestimmte Dinge so macht, wie es sie macht. Genau deshalb ist der Satz von Ernst Leitz II für mich so gut.

„Ich entscheide hiermit: Es wird riskiert.“

Das ist keine nachträglich erfundene Gründerstory. Die Entscheidung führte tatsächlich zur Serienproduktion der Leica I. Leica selbst führt den Satz bis heute als Teil seiner Unternehmensgeschichte. Damit bekommt Herkunft eine Funktion. Sie erklärt etwas. Über unternehmerischen Mut. Über Produktentwicklung. Und darüber, dass ein Unternehmen irgendwann entscheiden muss, bevor alle Antworten vorliegen.

Was ich als Markenmensch aus Wetzlar mitnehme

Am stärksten fand ich am Ende ausgerechnet die Reduktion.

„Das Wesentliche.“ Zwei Wörter reichen Leica. Weil sehr viel dahintersteht, das diese zwei Wörter glaubwürdig macht. Produktdesign. Räume. Fotografie. Geschichte. Material. Menschen. Der rote Punkt. Alles strahlt die Marke aus. Auch die geführte Tour. Nicht von irgendeinem Studenten. Sondern von einem Leica-Urgestein, der sein Wissen nach seinem aktiven Berufsleben bei Leica weitervermittelt.

Eine Marke wird für mich genau dann interessant, wenn man ihre Strategie nicht erst lesen muss. Wenn Entscheidungen über Jahre eine erkennbare Linie ergeben. Das bedeutet nicht, dass sich eine Marke nicht verändern darf. Leica tut das seit 100 Jahren. Von der Kleinbildkamera über digitale Systeme bis zu Smartphones, Uhren und Projektoren. Die eigentliche Arbeit liegt darin, bei jeder Erweiterung zu wissen, was man mitnimmt. Und was man besser weglässt.

Vielleicht ist das tatsächlich das Wesentliche.